Auf ein Neues!

Zu Beginn eines neuen Jahres, nimmt man sich gerne vor, Altes loszulassen, frisch durchzustarten und einmal richtig aufzuräumen. Die großen Lebensbereiche Liebe, Job und Gesundheit stehen dabei ganz oben auf der Liste. Aber wofür soll das überhaupt gut sein?

„Ein glückliches neues Jahr, mein Liebling!“, rief ich schwankend und versuchte, in eines seiner drei Augenpaare zu blicken. Das Feuerwerk war nicht nur durch die spiegelnde Wasseroberfläche vervielfacht. Ob es wohl ein schlechtes Omen ist, wenn man einen Neustart mit verschwommenem Blick hinlegt? Verliert man da nicht schon gleich zu Beginn das Ziel aus den Augen? „Naja egal, ab morgen wird ohnehin alles besser“, dachte ich mit einem Gefühl prickelnder Vorfreude und sprach dem Gin Tonic noch bis in die Morgenstunden zu. Der erste Tag des Jahres 2018, war entsprechend nicht so dynamisch wie gewünscht, sodass die ganze Sache mit den guten Vorsätzen direkt verschoben werden musste. „Na ok. Ab morgen aber wirklich!“, dachte ich sicher nicht als einzige in der Republik. Denn an Neujahr, wenn die Nation ihren Rausch ausschläft und vollends mit der Pflege des Katers beschäftigt ist, ist von kollektiver Frische und Tatendrang nicht viel zu spüren. Aber wenn man schon so daliegt und dem Pochen der Schläfen lauscht, hat man ausreichend Gelegenheit, die ganzen guten Vorsätze noch einmal auf den Prüfstand zu stellen. Wofür macht man sich denn eigentlich den Stress? Kann es nicht einfach so weiterlaufen wie bisher? Ist doch auch recht bequem, so auf dem Sofa.

Die Leidensfähigkeit der Menschen kann erstaunlich sein. Jahrelang kann über einen unbefriedigenden Job, die unerfüllte Partnerschaft oder die Unzufriedenheit mit der eigenen körperlichen Verfassung, gemeckert werden. Um doch Tag für Tag so weiterzumachen. Missstände an allen Ecken und Enden, doch die Trägheit verhindert, aktiv etwas dagegen zu tun. Die Lebensjahre verrinnen. Bis man irgendwann in Resignation und Verbitterung abgleitet. „Brrr“, schüttelte es mich bei diesem Gedanken. Das ist glaube ich, der traurigste Zustand, den man erreichen kann. Doch Gott sei Dank, gibt es auch immer wieder Schlüsselerlebnisse, bei denen man denkt: „Bis hier hin und nicht weiter!“ Das kann vom klemmenden Reißverschluss, bis zur roten Karte des Arztes oder des Partners reichen. Offenbar brauchen wir solche Warn- und Startschüsse um aktiv zu werden. Was vielleicht auch erklärt, warum wir uns ausgerechnet den stets lautstarken Jahreswechsel aussuchen, um die Dinge umzukrempeln. Oder zumindest den Plan dafür zu fassen. Aber bereits wenige Tage oder Wochen später, kleben wir wieder in den alten ungeliebten Mustern und Situationen fest. Dabei war man diesmal so überzeugt, es zu schaffen! „Woran zu Hölle scheitert man immer wieder?“, fragte ich mich mit immer noch dröhnendem Schädel. Fast nie mangelt es an Motivation und dem ehrlichen Wunsch, das angestrebte Ziel zu erreichen. Woran es hakt, ist die Willenskraft. Und diese verliert gegen den inneren Schweinehund nur dann immer wieder, wenn unsere Ziele nicht von Herzen kommen. So sollte man sich bei all den guten Vorsätzen als erstes fragen, warum man die Dinge eigentlich in Angriff nehmen möchte. Aus Lust und Freude, oder eher weil es aus vernünftigen Gründen so sein muss? Veränderung und Neues angehen: Es ist anstrengend, manchmal macht es vielleicht sogar Angst und noch häufiger stößt es im sozialen Umfeld auf Ablehnung. Da muss man schon mit jeder Faser seines Körpers überzeugt sein, um die notwendige Standhaftigkeit aufzubringen, mit deren Hilfe allein man den Versuchungen widerstehen kann. Handelt es sich um eine Herzensangelegenheit, ist es um ein Vielfaches leichter, die Mühen des Weges zu schultern. „Wie wäre es mit einem Stück Kuchen?“, schlug der inzwischen wieder Zweiäugige Gatte just in diesen Gedanken hinein, vor. Böse Falle! So viel zu den Tücken des sozialen Umfelds. Mir lag schon auf der Zunge zu sagen: „Ach, den Tag heute habe ich eh schon versaut.“ Aber bevor ich zulangen konnte, regte sich in mir ein Widerstand. Ungefähr so wie bei Harry Potter und dem abgewehrten Cruciatus-Fluch. Irgendetwas sagte mir, dass es unlogisch und falsch wäre. Während ich geistig noch mit dem verfluchten Kuchen rang, kam mir ein Gedanke: Vielleicht sollte man die Sache mit dem Schweinehund einmal mit einem nahezu betriebswirtschaftlichen Ansatz betrachten. Welcher Schmerz, oder Aufwand, ist höher: Jetzt zu verzichten, oder weiterhin jeden Tag über die Unzufriedenheit zu jammern? Oder andersherum gefragt. Welches Glücksgefühl, oder Ertrag, ist größer: Jetzt zu schlemmen, oder in nicht allzu ferner Zukunft, das gewünschte Körpergefühl jeden Tag zu genießen? „Nein, danke. Ich habe ein Ziel“, lehnte ich grinsend ab und sah neidlos zu, wie der geliebte Gatte in einen Traum von Schokocreme und Sahne eintauchte. Eine Versuchung erfolgreich abgewehrt! Ich fühlte die unerwartete Lust am Verzicht und der Groschen war gefallen. Willensstärke im Alltag, zeigt sich in genau solchen Mikroentscheidungen. Nicht in sorgsam zu Papier gebrachten Masterplänen. Jedes ausgelassene Stück Schokolade, jede Minute mehr mit den Liebsten, jede abgelehnte Zigarette, jeder einzelne Abend ohne fernzusehen, zählen, um dem Erreichen der gesteckten Ziele näher zu kommen. Es sind die kleinen aber dafür regelmäßigen Schritte, die eine neue Routine im Leben verankern. Und eines Tages sind unsere vormals guten Vorsätze, so routiniert und automatisch, wie Zähne putzen oder Auto fahren.

Als ich mich selbstzufrieden auf die Seite rollte, kehrte ich zurück zur Frage, wofür man sich all die Strapazen mit den guten Vorsätzen antut. Unzufriedenheit, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass eine Veränderung nötig ist. Je mehr der Schuh drückt, desto eher sollte man das Thema in Angriff nehmen. Zur Erinnerung: Für die eigene Zufriedenheit und das eigene Glück ist man allein verantwortlich. Ohne Wenn und Aber! Natürlich tut es erst einmal weh zu verzichten und sich zu disziplinieren. Aber der Stolz, einen kleinen Schritt in die richtige Richtung getan zu haben, macht lebendig und beflügelt. Und entschädigt um ein Vielfaches für die Mühen. So hält man lange durch und hat gute Chancen, seine Ziele zu erreichen. Die Frage lässt sich also leicht beantworten: Man tut es sich für sich selbst an. Weil Zufriedenheit, Glück und Liebe, die höchsten Güter eines Lebens sind. „Ein glückliches neues Jahr, mein Liebling“, murmelte ich, mit den guten Vorsätzen glasklar vor Augen und fest im Herzen.

In den folgenden vier Kolumnen, wird die Autorin Svea J. Held die Top 4 der guten Vorsätze genauer unter die Lupe nehmen: weniger Stress, mehr Zeit mit den Liebsten, gesünder leben und weniger fernsehen.

Diese Kolumne ist im Buch „Liebesmüh hoch zwei“ erschienen, dem zweiten Band der dreiteiligen Liebesmüh-Reihe: Gesammelte Essays, Artikel und Kolumnen über die Mühen, den Alltag mit Liebe zu überstehen – und die Liebe im Alltag nicht zu verlieren.

Erhältlich in jeder Buchhandlung, bei amazon oder im Shop.

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