Der Garten

Ein Kurz-Krimi. Eingereicht für den BoD & Skoobe-Publikumspreis im Rahmen der Leipziger Buchmesse 2018 – und den Krimi-Preis um eine Handvoll Stimmen verpasst! :-/

„Hallo, wir haben gestern wegen des Ferienhäuschens telefoniert“, sagte der junge Mann freundlich. Sie gaben sich die Hände, wobei er kräftig schüttelte. Er musterte sie mit unverhohlenem Interesse von oben bis unten und grinste: „Schön, Sie kennen zu lernen.“ Susanne öffnete den Garderobenschrank des großzügigen Foyers und nahm den Sommermantel heraus. Sie streifte ihn über, während sie zur Tür wies: „Wir gehen außen herum. Dann kann ich es Ihnen zeigen.“ Als sie voran ging, spürte sie ein Prickeln auf der Haut und war sicher, seine Blicke auf ihrem Rücken zu spüren. Er sah gut aus. Unverschämt gut. Auch wenn er vielleicht fünfzehn Jahre jünger sein mochte. „Der letzte Mieter ist erst vor ein paar Tagen gegangen“, überlegte sie laut. „Ich hatte noch keine Gelegenheit, alles zu überprüfen.“ Das mache ihm nichts aus, er sei ein unkomplizierter Typ, bekräftigte er mit einem Lachen. Sie bogen um die Hausecke der imposanten Jugendstil-Villa, von wo aus sich ein einmaliges Panorama bot. Die gigantische Gartenanlage öffnete sich in einem Gefälle und beeindruckte über ihre Grenzen hinaus, mit einem atemberaubenden Fernblick über bewaldete Hügelketten und Felder. Die historische Anordnung von Baumgruppen und lauschigen Sitzecken, versetzte den Betrachter in längst vergangene Zeiten. „Wow!“, entfuhr es dem Besucher unwillkürlich und blieb stehen. „Nicht schlecht. Es ist wunderschön hier.“ Auch Susanne ließ den Blick schweifen, sich durchaus der Wirkung ihres eigenen Parks bewusst. Üppige Staudenbeete, bildeten satt leuchtende Farbtupfer, vor gepflegten Hecken und Bäumen. Hoch und dicht ineinander verschlungen, schirmten diese das Anwesen von der Außenwelt ab und schufen einen ganz eigenen Kosmos. „Mein kleines Königreich“, sagte sie gleichmütig. Er wiegte andächtig den Kopf und ergänzte: „Es ist wie eine Insel. Es wirkt so friedlich… Und fast sicher. Hier kann einem nichts passieren.“ Sie standen eine Weile da und sogen den Anblick in sich auf. „Was für eine merkwürdige Aussage“, dachte Susanne, bevor sie ihm zunickte und wieder voran ging. Sie folgten dem geschwungenen Pfad bis zum Gartenhaus, das sich etwa auf halber Strecke, in eine Baumgruppe schmiegte. Als die Tür aufschwang und sie ihm den Vortritt ließ, kam ein erneutes Wow über seine Lippen. Das kleine Haus bot alles, was man zum Leben brauchte und fand mit seinem Landhausstil wie gewohnt Anklang. „Sehr romantisch“, bemerkte er und hob frech eine Augenbraue. Sie nannte ihm den Mietpreis pro Woche, der vorab in bar zu zahlen sei. Er runzelte die Stirn und rang sichtlich mit sich, bevor er sie noch einmal intensiv musterte und schließlich vorschlug: „Dann machen wir erst einmal eine Woche und wir schauen, wie es hier…nun ja…wie es hier für mich läuft, ok?“ Sie war einverstanden und bedeutete ihm mit einer einladenden Geste, ihr wieder Richtung Haus zu folgen.

Er lehnte sich mit seinem bemerkenswerten Hintern an die Küchenzeile und verschränkte die Arme, während er den Raum anerkennend musterte und durch die Zähne pfiff. Ihr entging nicht, dass er angenehm duftete und ein wenig zu nah neben ihr stand. Susanne bot ihm einen Kaffee an, was er dankend annahm. Sofort machte sie sich an dem Vollautomaten zu schaffen und war froh, ein wenig Abstand zu gewinnen. Schließlich nahm sie einen Blanko-Mietvertrag aus einer der Schubladen und hielt mit einem Stift bewaffnet, über dem Papier inne. „Ab wann wollen Sie mieten?“, fragte sie betont geschäftsmäßig. „Na, ab sofort“, entgegnete er lässig mit einer erhobenen Braue. Susanne übertrug die Daten von seinem Ausweis. Alexander Fischer, zweiunddreißig, aus Frankfurt. Demnach war er zwölf Jahre jünger als sie. Aus dem Augenwinkel glaubte sie wahrzunehmen, dass er sie währenddessen unentwegt ansah. Nachdem sie das Geld kassiert hatte, wandte sie sich wieder der Kaffeemaschine zu, die inzwischen bereit war und stellte zwei Tassen darunter. „Also, wenn wir ab sofort so eng beieinander wohnen, sollten wir vielleicht Du sagen, oder Susanne?“, hörte sie ihn sagen. „Woher kennen Sie meinen Vornamen?“, entfuhr es ihr prompt und sie drehte sich ruckartig zu ihm um, wobei ihr Blick den Messerblock streifte. Ihr Herz klopfte wild und etwas in ihr, mahnte zur Vorsicht. Es huschte ein Schatten über sein Gesicht, als hätte er bemerkt, einen Fehler gemacht zu haben, bevor er schulterzuckend grinste: „Steht doch im Mietvertrag.“ Das stimmte natürlich. Susanne nickte kaum merklich und ihr Puls beruhigte sich. „Sie können mich auf jeden Fall Alex nennen“, murmelte er nun etwas verlegen. „Sonst fühle ich mich so schrecklich alt und erwachsen“, ergänzte er mit einem gequälten Lächeln. Sie zögerte einen Augenblick und gab schließlich nach: „Ok, warum nicht. Ich bin Susanne.“ Alex strahlte über das ganze Gesicht, als er seinen Kaffeebecher in Empfang nahm. Wenig später beobachtete sie von der Sonnenliege aus, wie er eine große Reisetasche und einige kleine Kartons zum Gästehaus trug. „Wirkt fast sicher“, spukte es durch ihren Kopf. Darüber hatte sie noch nie nachgedacht. Alex hob im Vorbeigehen lächelnd eine Hand zum Gruß. Wieder spürte sie ein Prickeln auf der Haut.

Am nächsten Nachmittag kniete sie in der Erde eines neu angelegten Beetes und arrangierte die Pflanzen, als Alex quer über den Rasen, mit zwei Kaffeebechern auf sie zukam. „Hey“, sagte er mit betonter Fröhlichkeit. „Hey“, erwiderte sie reserviert und widmete sich energisch dem jungen Rosenstrauch, den es einzugraben galt. „Ich dachte, Du könntest eine Pause vertragen, bist ja schon seit Stunden fleißig. Mit Milch und Zucker, wie Du es gerne magst“, sagte er und reichte ihr die Tasse. Perplex drehte sie sich zu ihm um und strich sich mit dem erdigen Handschuh einige Haarsträhnen aus der Stirn. Er lachte. „So hast Du ihn Dir gestern gemacht. Meine Mutter trinkt ihn genauso, das konnte ich mir leicht merken“, zwinkerte er. „Ah“, entfuhr es ihr und nahm das heiße Getränk dankbar an. Das konnte sie wirklich gebrauchen. Mühsam stand sie auf und streckte die angestrengten Glieder, die vom langen Knien ganz steif geworden waren. Sie setzten sich auf die Bank in der Nähe, wobei Susanne auf genügend Abstand achtete und die Harke neben sich platzierte. Alex seufzte zufrieden und streckte die Beine lang aus. „Es ist herrlich hier. Daran kann ich mich glatt gewöhnen.“ Susanne blieb stumm und starrte geradeaus. „Wie bekommst Du nur die Blumen so toll hin? Es ist das reinste Paradies.“ Alex strich mit der Hand sanft über einen kräftig violetten Blütenstand. „Was ist das hier für eine?“ – „Digitalis purpurea. Fingerhut“, antwortete sie knapp und nippte an der Tasse. Der Kaffee war gut. Genau so hätte sie ihn auch zubereitet. „Mit was düngst Du nur die Beete?“, wollte er gleichsam interessiert wissen. Sie zuckte die Achseln. „Ganz normale Sachen, schätze ich.“ Er räkelte sich in der Sonne und bekräftigte: „Egal was es ist, bleib dabei.“ Ein Prickeln flirrte in der Luft, das ein Lufthauch alsbald verwehte. Kurz darauf drückte sie ihm die leere Tasse in die Hand und gab ihm zu verstehen, dass sie nun weiter machen müsse. Und zwar allein. Merklich enttäuscht, trottete er zurück zum Gästehaus, wo sie ihn einige Augenblicke später, auf einem Gartenstuhl sitzen sah. Die Beine hoch gelegt, mit dem Laptop auf dem Schoß, prostete er zu ihr herüber. Sie kehrte ihm den Rücken zu. Und war überzeugt, dass er sie für den Rest des Tages nicht aus den Augen ließ. Egal wie das alles hier wirken mochte, Susanne brauchte diese regelmäßige Miete. Sie hatte zwar generös geerbt und würde nie wieder arbeiten müssen, aber sie hatte immer Angst, dass es nicht reichen könnte. Dass man es ihr wegnehmen könnte. Das Vermieten des Gästehauses, verschaffte ihr ein Gefühl von Sicherheit über ihre Einkünfte. Etwas, das sie selbst im Griff, worüber sie allein die Macht hatte. Dennoch würde sie in Zukunft mehr Vorsicht walten lassen müssen. Das war ihr inzwischen klar.

Am Abend hatte sie es sich nach einem ausgiebigen Bad auf dem Sofa gemütlich gemacht. Die Anstrengungen der Gartenarbeit steckten ihr in den Knochen und sie würde sicher bald über ihrem Buch einschlafen. Doch bevor sie eindösen konnte, wurde sie von einem Klopfen an der Terrassentür jäh aufgeschreckt. Im diffusen Licht der Dämmerung erkannte sie Alex, dicht vor der Glasscheibe stehend. Nur in Boxershorts und einem offenen Hemd, stand er plötzlich da, was eine uneingeschränkte Vorschau auf seinen durchtrainierten Körper ermöglichte. Instinktiv zog sie ihren Bademantel enger um sich. Als sie die Tür einen Spalt breit öffnete, lächelte er schief und erklärte: „Entschuldige die leichte Bekleidung, ich habe heute Waschtag.“ Sie starrte ihn an. Er fuhr sich unsicher durchs Haar. „Hast Du zwei Eier für mich?“ Sie blinzelte und fragte verwirrt, was er denn vorhabe. „Rührei. Zum Abendessen“, war die viel zu einleuchtende Antwort. „Natürlich“, sagte sie tonlos und ging in die Küche. Sie schloss den Kühlschrank und schrie laut auf, als sie ihn hinter sich im Türrahmen bemerkte. Er hob beschwichtigend die Hände. „Oh, sorry! Ich wollte Dich nicht erschrecken.“ Sie atmete tief durch. „Schon gut“, japste sie und drückte ihm den Eierkarton in die Hand. Er verharrte einen Moment, den Blick auf sie geheftet, als wolle er noch etwas sagen. Oder tun. Wie eine Katze vor dem Sprung. Doch schließlich hob er stumm den Karton, nickte zum Dank und verließ das Haus. Erst als sie die Terrassentür verriegelte, spürte sie, dass ihr Herz hämmernd bis zum Hals schlug. Sie stürmte die Treppe hoch. Aus ihrem abgedunkelten Schlafzimmer, beobachtete sie Alex im hell erleuchteten Gästehaus, wie er am Herd hantierte. Offenkundig bereitete er sich tatsächlich Rührei zu. Einfach nur Rührei. Susanne lachte glockenhell und erleichtert auf. „Da steht ein höchst attraktiver, halbnackter Kerl vor Deiner Tür und Du denkst gleich das Schlimmste“, sagte sie laut und beruhigte sich schließlich nach einigen tiefen Atemzügen.

Am Morgen klopfte er noch einmal bei ihr und entschuldigte sich aufrichtig dafür, sie so erschreckt zu haben. Er gab ihr die restlichen Eier zusammen mit einer gepflückten Rose zurück, die verdächtig danach aussah, aus ihrem eigenen Garten zu stammen. Er versicherte ihr, gleich einkaufen zu gehen um sich wie ein anständiger Junggeselle selbst mit Rührei und Pizza versorgen zu können. Susanne sah in seine betretene Miene und war von der Geste gerührt. Vielleicht hatte sie ein wenig hysterisch reagiert. Bei Tageslicht wirkte alles ganz harmlos und sie kam sich albern vor. „Kein Problem, es ist alles in Ordnung“, versicherte sie und lud ihn nun ihrerseits wieder auf einen Kaffee ein. Alex strahlte und wirkte sehr zufrieden mit sich. In den folgenden Tagen, tauchte er immer wieder wie zufällig auf. Er fragte nach diesem, wollte jenes wissen, verwickelte sie in kurzweilige Gespräche, in denen er sie zum Lachen brachte. In der Dunkelheit stand er jedoch nicht mehr vor ihr, bedauerlicherweise auch nicht leicht bekleidet. Dafür hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, ihn abends von ihrem Schlafzimmer aus, heimlich zu beobachten. Wie er kochte, las, fernsah oder seine Kraftübungen machte. Immer wieder schien auch er zum Haus herauf zu sehen, in der Hoffnung, einen Blick auf sie zu erhaschen. Alex suchte offenkundig ihre Nähe. Das schmeichelte ihr und tat gut. Vielleicht war es möglich, dass er einfach nur ein netter Kerl war. Ganz ohne Hintergedanken. So etwas sollte es ja geben. Sie ertappte sich dabei, dass sie sich bereits morgens darauf freute, ihn im Garten zu treffen. Es hatte sich zu einem Spielchen entwickelt, sich gegenseitig mit Kaffeebechern gerüstet, zu überraschen. Sie sprachen dann über die verrücktesten Dinge. Er hatte sogar nach ihrer Blutgruppe gefragt, wobei sie belustigt feststellten, die Gleiche zu haben. So war sie erfreut, dass er am Ende der Woche verkündete, zu Geld gekommen zu sein und noch bleiben wolle. Und ihr Tänzchen setzte sich fort. Wieder einmal standen sie nach einer gar nicht so zufälligen Begegnung im Garten zusammen, als er scheinbar unschuldig wissen wollte: „Wir beide sind schon seit einer Weile alleine hier… Wo ist eigentlich Dein Mann?“ Sie zuckte fast unmerklich zusammen und antwortete ausweichend mit einer Gegenfrage: „Lass uns lieber über Dich reden, ich weiß fast gar nichts von Dir. Was machst Du so? Womit verdienst Du überhaupt das Geld für die Miete?“ Alex vergrub die Hände in den Hosentaschen und kickte ein paar Steine weg. Diese Frage war ihm sichtlich unangenehm, doch er antwortete mit einem Seufzen: „Ich bin Fotograf. Portraits, Industrie, Architektur und so.“ Er zeichnete mit der Schuhspitze Muster in den feinen Kies und sein Gesicht verfinsterte sich. „Eine Zeitlang lief es sehr gut. Tolle Aufträge und einige Ausstellungen. Aber seitdem jeder mit einem Smartphone bewaffnet ist und ein paar Effekte via App anwenden kann, glaubt jeder Dahergelaufene ein Fotograf zu sein. Es wird immer schwieriger. Und mit der Zahlungsmoral steht es auch nicht zum Besten.“ Hart schoss er einen Stein bis auf den Rasen und lächelte schließlich schief zu Susanne herüber: „Jetzt weißt Du es. Ich bin ein armer Schlucker.“ Sie nickte nur und war verunsichert von seiner unerwarteten Offenheit. Beide sahen in die Weiten des Gartens und hingen dem gerade Gesagten nach. „Tja. Mir bleibt nur noch, eine charmante Frau zu finden, reich zu heiraten und das Leben zu genießen“, lachte er bei einem Versuch, die Stimmung wieder aufzulockern. An Susannes Auge zuckte warnend ein Muskel. „Und was ist nun mit Deinem Mann? Ist er auf Geschäftsreise?“, bohrte Alex noch einmal, mit der gleichen aufgesetzten Lockerheit. Susanne versteifte sich und blickte starr in das Meer aus Grün und bunten Blüten. „Sozusagen…“, murmelte sie. „Ich bin… nicht mehr verheiratet.“ Es entstand eine drückende Stille, in der nur das sanfte Wispern des Gartens zu vernehmen war. Bis sie flüsternd und abgehackt vor sich hin murmelte: „Er wollte mir alles wegnehmen. Meinen Garten, das Haus, einfach alles… Eine andere Frau… nicht so verrückt… Ein paar Tage später ist er gegangen… Herzversagen.“ Alex machte große Augen. „Oh Gott. Sorry, das wusste ich nicht. Das… das sollte ein dummer Scherz sein…“, versuchte er die Situation zu retten. „Wann ist das denn passiert?“ – „Vor zwei Monaten.“ Er strich sich in einem Anflug von Verzweiflung durchs Haar und stöhnte: „Oh Mann…“ Bestürzt wanderte sein Blick über den Boden. Oder spielte er die Überraschung nur? „Jetzt gehört alles mir. Mir allein“, flüsterte sie fast unhörbar. Sie wusste nicht, warum sie ihm das erzählt hatte und wurde nervös. Das hatte sie nicht gewollt, es war einfach so aus ihr heraus gesprudelt. „Jetzt weiß er, dass ich allein im Haus bin“, dachte sie von Panik ergriffen und ließ die Kaffeetasse auf den Rasen fallen, bevor sie Hals über Kopf zum Haus lief. Dicht gefolgt von Alex. Als sie die Tür hinter sich zuknallen wollte, griff er fest nach ihrem Arm. Sie schrie und versuchte sich wild umher schlagend zu befreien. Er ließ so unvermittelt los, dass sie heftig gegen den Rahmen knallte und zur Seite taumelte. Alex setzte nach und hatte sie sofort wieder gepackt. Sie rang mit ihm und spürte, wie die Panik ihre Sinne benebelte. „Susanne!“, rief er und begann sie zu schütteln, doch sie schlug immer aufgebrachter um sich. „Susanne!“, rief er nun flehend. „Hör mir bitte zu… Beruhige Dich!“ Das Blut rauschte in ihren Ohren und sie entschied schlagartig, keinen Widerstand mehr zu leisten, um ihn nicht unnötig herauszufordern. So geriet er ins Taumeln als sie plötzlich locker ließ und sich nicht mehr wehrte. Mit hängenden Schultern stand sie da. Unsicher zog er sie an sich und strich ihr übers Haar, während er tröstend auf sie einsprach: „Hey… Alles wird gut…Ich hatte doch keine Ahnung…wollte Dich nicht verletzen…alles wird gut…ich wollte keine Wunden aufreißen…es ist alles noch so frisch…Du brauchst Zeit…alles wird gut.“ Sie standen schier endlos so da, während er unentwegt so weiter sprach. Es dauerte lange, bis sie sich beruhigte und letztlich begriff, dass keine Gefahr von ihm ausging. „Du bist eine wunderschöne Frau und wenn Du so weit bist, findest Du jemanden, der Dich auch verdient hat…“, säuselte er ihr gerade ins Ohr. Susanne atmete schluchzend auf. Sie hatte sich da wohl reingesteigert und war schrecklich hysterisch geworden. Schließlich entspannte sie sich und hob den Kopf von seiner Brust. Sie lächelten sich verlegen an. Als sie ihm in die Augen sah, dachte sie an seine Worte: „Es ist sicher hier.“ Und ein Gefühl, das sie an Vertrauen erinnerte, kroch wohlig durch ihren Körper. Eine triumphierende Miene breitete sich auf Alex Gesicht aus und er drückte sie noch einmal fest, bevor er sie auf Armeslänge von sich schob, um ihr prüfend ins Gesicht zu sehen. „Alles wieder gut?“, fragte er sacht. Sie wich seinem Blick aus. Ihr Ausbruch war ihr peinlich, sie nickte jedoch mit einem matten Lächeln. Er raufte sich das Haar und sagte mehr zu sich: „Mein Gott… Das ist ja mal schön nach hinten losgegangen… Was für ein Schlamassel.“ Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg und schlug schließlich zuversichtlich vor, sich erst einmal auszuruhen und am Abend zusammen aus zu gehen. „Wir beide kriegen hier noch einen Lagerkoller“, lachte er. „Lass uns vor die Tür gehen, uns ein bisschen unters Volk mischen.“ Nachdem sie eine Uhrzeit vereinbart hatten und er gegangen war, huschte Susanne hinauf ins Schlafzimmer. Am Fenster stehend, beobachtete sie mit zittrigen Knien, wie er wenig später wild gestikulierend telefonierte. Mehrfach deutete er dabei auf ihr Haus und sah auf die Armbanduhr. Angespannt ging er auf und ab. „Was soll das denn jetzt?“, überlegte sie voller Argwohn. Doch dann ließ sie sich auf die Bettkante fallen und verbarg das beschämte Gesicht in den Händen. Tiefe Atemzüge klärten ihren Verstand nur allmählich. „Hör jetzt auf damit!“, mahnte sie sich selbst und verpasste sich eine schallende Ohrfeige. Früher hatte sie sich schlimmeres angetan. Aber die Zeiten waren vorbei. Dennoch war ihr Inneres zu taub, als dass sie ohne das gelegentliche Gefühl von körperlichem Schmerz, hätte sicher sein können, noch am Leben zu sein. Sie musste sich Zeit geben. Alex hatte Recht.

„Wir haben hier eine klassische peruanische Ceviche mit ausgesuchtem Thunfisch, auf einem Avocadospiegel“, flötete die Bedienung, die merklich von der Kreation des Hauses angetan war. Fast zärtlich wurden die Teller vor Alex und Susanne gestellt. Sie kicherten freudig und stießen mit dem Crémant an, der in der Nase kitzelte. Es schmeckte köstlich. „Mmmh! Ausgezeichnet…“, schwärmte Susanne. Alex schloss genüsslich die Augen und gab Geräusche größter Verzückung von sich. „Das war eine gute Idee“, lobte sie ihn, als die restlos leeren Teller abgeräumt wurden. „Ich musste am Telefon fast ausfallend werden, um für heute noch einen Tisch zu bekommen“, erzählte er mit hörbarem Stolz und erhob erneut das Glas. Schon bald mussten sie Wein nachbestellen. Zum Zwischengang mit Jakobsmuschel, Wildgarnele und Nashi Birne, spürte Susanne bereits einen deutlichen Schwips. Sie hatte Alkohol noch nie sonderlich gut vertragen, aber an diesem Abend ließ sie sich bereitwillig in das sanfte Kissen der geistigen Gedämpftheit gleiten. Natürlich war sie es seit Jahren gewohnt, in den besseren Lokalen der Stadt zu speisen. Aber schon lange wurde ihr dabei nicht mehr so viel Aufmerksamkeit durch einen Begleiter zu Teil, wie an diesem Abend. Susanne genoss jede Minute und hier und da, blitzte das Gefühl auf, dass tatsächlich alles wieder gut werden könnte. Auf die Situation am Nachmittag kamen sie nicht mehr zu sprechen. Es war offensichtlich, dass beide diesen Vorfall so schnell wie möglich vergessen und in die Zukunft schauen wollten. Sie plauderten, als würden sie sich schon ein ganzes Leben kennen. Sie alberten herum, waren leicht und befreit, wie Kinder. Mit feierlicher Stimme wurde schließlich der Hauptgang angekündigt, als würde es sich um den Thronfolger höchstpersönlich handeln: „Das Bürgermeisterstück des schwarzen Wagyu Tri Tip Rinds, abgeschmeckt mit arabischem Ras el-Hanout Gewürz, an Sellerie.“ Nur mit größter Mühe schafften sie es, dieser bemerkenswerten Sterneküche den nötigen Respekt zu erweisen und nicht wild drauf los zu prusten. Wieder stießen sie an und widmeten sich dem Höhepunkt des Menüs. Susanne kaute gerade genießerisch die letzten Bissen und gab sich diffusen Zukunftsfantasien hin. Von Glück und Leichtigkeit. Von einem Traum in Weiß. „In Wirklichkeit verstecke ich mich bei Dir“, platzte Alex da völlig unerwartet raus. Sie wandte ihm irritiert den Kopf zu und musste ziemlich erschrocken geschaut haben, denn Alex gluckste und drückte ihre Hand: „Nicht das, was Du wohl schon wieder denkst!“ Sie legte das Besteck beiseite und wartete auf eine Erklärung. Er drehte den Stiel seines Weinglases und fuhr mit ernster Stimme fort: „Naja… Ich bin…war irgendwie in einer echten Sinnkrise. Keine Ahnung, wie es in meinem Leben weiter gehen soll. Ich wollte einfach nur weg, runter von den alten Pfaden. Mir die Decke über den Kopf ziehen, mich verkriechen, mich verstecken, da wo mich niemand findet. Und auf eine glückliche Fügung des Schicksals hoffen.“ Er hob den Blick und lächelte schief. „Dann habe ich von Dir gehört und Dich auch gefunden. Bin bei Dir eingezogen und alles entwickelt sich… gut. Ich brauche Dich irgendwie, Du brauchst mich. Als sollte es so sein. Ich merke, dass das hier ein Neuanfang sein kann. Ein richtiger Aufbruch in ein neues Leben. Für uns beide!“ In vino veritas. Nun drückte sie seine Hand und sagte leise: „Ich weiß, was Du meinst.“ Er strahlte überglücklich, fühlte sich offenbar bestärkt und begann unruhig hin und her zu rutschen. „Susanne… Ich muss Dir was sagen…“, setzte er an, wurde jedoch unterbrochen. „Zum Abschluss, Filets der Blutorange, auf einem Bett aus Schokolade und Tahiti-Vanille“, verkündete die Bedienung, die inzwischen nicht mehr nur an den Kreationen des Hauses Gefallen gefunden hatte. „Auf einem Bett, also“, flirtete Alex plötzlich ungeniert und übermütig mit der hübschen Servicekraft. Diese errötete leicht und warf Susanne im Weggehen einen abschätzigen Blick zu. Begeistert machte sich Alex über das Dessert her. „Ich liiieebe Schokolade!“, rief er entzückt aus und gab sich der süßen Sünde hin, ohne einen weiteren Versuch zu unternehmen, seine sorgsam zurecht gelegten Worte loszuwerden. Susanne versteifte sich. Ein Muskel an ihrem Auge begann nervös zu zucken und sie versuchte, ihre aufwallenden Gefühle mit schnellem Blinzeln wieder unter Kontrolle zu bringen. Ihr Atem ging schneller und ihr Blick huschte unruhig über den Tisch. Was war das hier für ein Spiel? Etwas stimmte nicht. Gerade wollte er ihr sagen, dass… ja, was eigentlich. Da spürte sie eine kräftige Hand auf der ihren. „Alles in Ordnung?“, fragte Alex besorgt und verstärkte sogleich den Druck. Sie lächelte mechanisch und beteuerte, wohlauf zu sein. Das Dessert brachten sie schweigend hinter sich, wobei er sie immer wieder musterte. „Susanne, was hab ich denn…“, wollte er zutiefst verunsichert wissen. Doch sie schnitt ihm kalt das Wort ab: „Lass gut sein. Wir sollten zahlen und gehen.“ Er betrachtete sie fragend mit gerunzelter Stirn und sah schließlich ein, dass er so nicht weiter kam. „Die Rechnung, bitte“, verlangte er mit einem zuversichtlichen Blick in Susannes Richtung, den sie geflissentlich ignorierte. „Der scheint wirklich zu glauben, dass ich ihn nicht durchschaut habe“, lächelte sie grimmig in sich hinein. Als ob er der erste dieser Sorte wäre. Sie weich klopfen, um den Finger wickeln und nicht einmal bis zum Dessert treu bleiben. Aber niemand würde sie mehr hintergehen oder ausnutzen. Oder ihr etwas wegnehmen. Nichts von all dem, was sie sich so mühsam erkämpft und aufgebaut hatte. In ihr fiel rasselnd ein Burgtor. Sie musste ihn so schnell wie möglich loswerden. Besser heute als morgen.

Zurück zu Hause schloss sie die Tür auf, als er plötzlich dicht hinter ihr stand. „Lass uns noch etwas trinken“, drängte er mit einem eigentümlichen Lächeln und glasigen Augen. „Alex…“, setzte sie an, doch da drängelte er sich schon mit ihr hinein. „Kooperativ zeigen und nicht provozieren“, schoss es ihr durch den Kopf. Und ehe sie es sich versah, saßen sie mit einem Glas Wein, steif nebeneinander auf dem Sofa. Die Luft war zum Schneiden. Er blickte immer wieder nervös auf und schien abzuwägen, was als nächstes zu tun war. Da ergriff er ihre Hände und begann fahrig: „Susanne… Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Dass wir uns gefunden haben, ist ein Geschenk. Du hast doch auch diese besondere Verbindung zwischen uns gespürt. Ich meine, ich wusste natürlich schon vorher, wer Du bist. Aber Dich tatsächlich kennen zu lernen…“ Susanne hörte nur Rauschen in den Ohren und nahm seine Worte kaum auf. Sie wollte ihn einfach nur loswerden. Hoffnungsvoll sah er sie an und nahm hastig einen Schluck, bevor er mit sodann gefestigter Stimme fortfuhr: „Du wurdest am 12. Juni 1970 geboren. Deine Mutter war noch sehr jung, viel zu jung… Deswegen hat sie Dich zur Adop…“ Weiter kam er nicht. Susanne hatte im Regal hinter der Sofalehne den für alle Fälle bereit liegenden Elektroschocker ertastet und verpasste ihm drei volle Ladungen in den Hals. Alex kippte vorn über und blieb röchelnd auf dem Boden liegen. Sie verpasste ihm mit einer Bronzefigur noch einen kräftigen Schlag auf den Kopf, stand dann wie ferngesteuert auf, nahm Paketschnur aus einer Schublade und fesselte ihm Hände und Füße.

Alex stöhnte und kam Stunden später nur langsam zu sich. Es roch feucht und erdig, sein Körper war schwer wie Blei, er konnte sich kaum rühren. Als er realisierte wo er war, riss er schlagartig die Augen auf und das blanke Entsetzen stand ihm ins humusverschmierte Gesicht geschrieben. Susannes angestrengtes aber entschlossenes Gesicht, schwebte über ihm. „Susanne… Nein! Lass mich doch erklären! Ich habe Dich gesucht, weil…“, presste er hervor und versuchte die gefesselten Handgelenke mühsam frei zu kämpfen. Doch sie schaufelte ruhig weiter Erde in das neue Rosenbeet. Alex prustete und gurgelte, als Erde in seine Kehle drang. „Um Himmels willen! Deine Mutter ist auch meine Mutter. Sie hat es vor ein paar Wochen auf dem Totenbett gebeichtet.“ Niemand würde sie jemals wieder hinters Licht führen oder ihr etwas wegnehmen. Sie für dumm, schwach oder verrückt halten. Eine weitere Ladung bedeckte sein Gesicht. Alex spuckte und gurgelte. „Ich bin Dein Bru…“ Dann wurde es ruhig und sie musste endlich keine Lügen mehr hören. Bei Tagesanbruch sann sie auf die Schaufel gestützt darüber nach, wie sie die Pflanzen in dem neuen Beet arrangieren sollte.

„Hallo. Ich habe das Ferienhaus gebucht.“ Susanne streifte den Mantel über und führte den neuen Gast um die Hausecke. „Der letzte Mieter ist erst vor kurzem gegangen. Ich konnte noch nicht alles überprüfen.“

Das Menü in dieser Kurzgeschichte stammt von Sven Wolf, dem Inhaber des VOIT in Kassel. Er wurde im November 2017 mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet.

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