Die Schwiegermutter heiratet man quasi mit. Doch ihre Beliebtheit hält sich häufig in Grenzen.

Schwiegermutter – Ja, ich will Deine Mutter heiraten

Sagt man Ja zueinander, sagt man auch Ja zu Familie und Freunden des Partners. Denn sie gehören zu ihm wie sein genetischer Fingerabdruck. Insbesondere die Schwiegermutter. Aber wie kommt man dann für den Rest seines Lebens mit der alten Streitaxt klar? Über Klischees und Hürden, die eine Beziehung nehmen muss.

Schwiegermutter. Ein Wort, das vielen Menschen das Blut in den Adern gefrieren lässt und für Magengeschwüre sorgt. Genauso wie Familienfeier oder Weihnachten. Wussten Sie, dass die Onlinesuche zu Unterhaltszahlungen und Scheidung nach den Weihnachtsfeiertagen sprunghaft ansteigt? Wenn wir davon ausgehen, dass nicht die hässlichen Geschenke oder die misslungene Gans daran schuld sind, muss das Zusammentreffen der Familien etwas damit zu tun haben. Aber kein Onkel Heinz und keine Oma Inge können einen solchen Schrecken verbreiten wie die allseits gefürchtete Schwiemu. Schwiegermonster, Schwieger-drache, Frau Hölle. Die Wortspiele und Sprüche sind vielfältig, aber niemals positiv.

Auch für besonders stachelige oder nicht tot zu kriegende Pflanzenarten wird sie herangezogen. Wie den Schwiegermuttersitz (der Goldkugelkaktus) oder die Schwiegermutterzunge (Sansevieria, auch bekannt als Stasipflanze). Männer werden vor der Eheschließung gewarnt: „Schau Dir Deine Schwieger-mutter an – so wird sie auch mal!“ Ich schätze nicht einmal die Rüstungs-industrie oder ein gewisser nordkoreanischer Diktator haben ein so schlechtes Image. Selbst im Englischen wird aus mother in law, das Anagramm woman hitler. Zufall?

Ähnlich geht es übrigens Stiefmüttern. Die meisten Menschen assoziieren mit dem Begriff Stiefmutter eine böse, rachsüchtige Frau, die den Kindern ihres Mannes das Leben zu Hölle macht. Händereibend lauert sie im Dunkeln und heckt die nächste Gemeinheit aus. Was kaum jemand weiß ist, dass dieses Bild auf das Konto der Gebrüder Grimm geht. Als sie die mündlichen Überliefer-ungen, Sagen und Märchen für ihre berühmten Bücher sammelten, machten sie aus jeder bösen Mutter in den Geschichten, einfach eine böse Stiefmutter.

Warum? Weil sie selbst ein so enges Verhältnis zu ihrer Mutter hatten, dass sie sich einfach nicht vorstellen konnten, dass es boshafte Mütter tatsächlich geben könnte. Also wurde die Rolle der niederträchtigen Furie konsequent den Stiefmüttern angedichtet. Manchmal auch der Schwiegermutter. Und weil Märchen schon unsere Kindertage prägen, tragen wir dieses Bild in unseren Köpfen und gehen voreingenommen in diese Begegnungen.

Kein Witz! Dabei steckt in dem Wort zu allererst ein anderes, das gemeinhin mit Liebe, Fürsorge und zu Hause verknüpft wird: Mutter. Denn egal ob Stief oder Schwieger, genau genommen bekommt man eine zweite Mutter gratis dazu. Das sollte doch Anlass zur Freude sein? Doppelte Kuchenportionen, doppelte Gratis-Babysitter, doppelte Hilfe in allen Lebenslagen. Oder etwa nicht?

Die Schwiegermutter als Inbegriff des Bösen überdenken

Stattdessen bekommt man zur entsprechenden Onlinesuche zu Schwiegermutter, nicht nur einen bunten Blumenstrauß an unheilvollen Redewendungen, Witzen und Sprüchen geboten, sondern auch Ratschläge zur Konfliktlösung, Deeskala-tion von Streits oder Schutz vor Intrigen. Die beschriebenen Schwiemu-Typen variieren nur im Grad der Bösartigkeit und des damit verbundenen Spezial-gebiets schnüffeln, verleumden oder kritisieren. Sogar Selbsthilfegruppen werden beworben. Der Unruheherd für Familienzwist ist natürlich immer diese herrschsüchtige alte Hexe. Auffallend einstimmig. Der aufmerksame Leser wird an dieser Stelle hellhörig. Wer schon mal einen Multiple-Choice-Test vor sich hatte, weiß, dass Antworten mit den Begriffen immer, nie oder keinesfalls, vor allem eins sind: immer falsch.

Es würde nämlich bedeuten, dass Mütter das ganze Leben liebend, kümmernd und frohgemut durchs Leben laufen (ja, ich weiß das ist ein bisschen Walt Disney-mäßig), bis ein Lebenspartner für das eigene Kind auftaucht. Dann verwandeln sie sich plötzlich von einer Mutter in eine Schwiegermutter. Wie ein infizierter Mensch in einen Werwolf bei Vollmond. Was im Umkehrschluss natürlich auch für die eigene Mutter gelten muss. Aber über deren Wesensveränderung liest man nichts. Ein bisschen merkwürdig, oder? Da muss man genauer hinschauen.

Natürlich kommen so fest verankerte Klischees nicht nur aus einem Märchen-buch, sondern werden offenkundig auch von realen Spannungen gespeist. Dennoch: Zu einem Konflikt gehören immer mindestens zwei. Aktion und Reaktion. Erst Zweiteres entscheidet über den weiteren Verlauf der Geschichte und kann diese so richtig zum Eskalieren bringen. Außerdem verbindet ein gemeinsamer Feind ungemein. Zu sagen, dass man Probleme mit seinem Schwiegermonster hat, öffnet Türen zu einer riesigen Gruppe Leidensgenossen. Man fühlt sich zugehörig, normal, die Welt ist in Ordnung. Außerdem kann man Meinungsverschiedenheiten in der Beziehung auch wunderbar auf die ange-heiratete Mutter schieben. Dieser Konflikt bringt also auch Vorteile. Aber im Ernst, was ist da hinter den Kulissen los? Vielleicht ist ein nicht unwesentlicher Aspekt in diesem Dauerkrieg, dass Mütter niemals aufhören Mütter zu sein.

Kann es sein, dass der Wunsch zu helfen und das Leben des eigenen Kindes mitzugestalten, ab einem Punkt im Erwachsenenleben einfach nur noch als nervende Dauerkritik oder Kontrolle wahrgenommen wird – speziell vom Schwiegerkind, das besonders empfindlich reagiert? Schließlich hat man selbst nun den Platz an der Seite des erwählten Menschen eingenommen und möchte dieses gemeinsame Leben gestalten. Ja, sogar der Mensch sein der dies feder-führend tut. Mütterliche Kommentare können da schnell als Besserwisserei, Konkurrenzkampf oder eindringen in ein persönliches Hoheitsgebiet wahrge-nommen werden. Und wenn der geliebte Partner dann der Meinung der eigenen Mutter ist?

Ein Beziehungskiller! Und nicht selten auch ein Trennungsgrund. Zumindest wenn dies häufig geschieht. Denn schnell fühlt man sich vom Partner verraten und bloßgestellt, hat das Gefühl dass er sich noch nicht abgenabelt hat. Und das möchte man sich nicht für den Rest seines Lebens ans Bein binden. Aber was wollen die Schwiegerdrachen dieser Welt? Verfolgen sie wirklich so hunds-gemeine Absichten? Im Prinzip steckt doch hinter all dem Kommentieren und Empfehlen, dass das Loslassen schwer fällt. Hinzu kommen die ganz persön-lichen Erwartungen und eben auch Wünsche an den Partner des eigenen Kindes. Im Kopf malt man sich no go’s und Idealszenarien aus. Eben der Traum jeder Schwiegermutter. Das ist doch legitim, schließlich geht es um das Wohl des eigenen Kindes. Egal wie alt es ist.

Halten wir fest: Schwiegermütter sind zu aller erst Mütter und merken zuweilen vielleicht einfach nicht wenn sie Grenzen übertreten. Und Schwiegerkinder sind mitunter etwas zu dünnhäutig bei diesem Thema und nehmen zu viel persön-lich. Auch das ist legitim, schließlich geht es um die Beziehung zum wichtigsten Menschen und die will man schützen. Das Gegenteil von gut, ist manchmal eben gut gemeint. Es menschelt und werwolft an allen Ecken und Enden. Also lasst uns nicht so hart mit ihnen ins Gericht gehen, durchatmen und das Beste aus einem gemeinsamen Lebensweg machen. Lasst uns ihre fünf Köpfe streicheln und sie ein wenig hinter den Rhabarberohren kraulen. Wir haben eins gemeinsam: Den Menschen den wir am meisten lieben. Und geteilte Liebe wird nicht weniger, sondern mehr.

Mir persönlich geht es in Bezug auf meine Schwiegermutter ja eher wie den Gebrüdern Grimm. Ich kann mir nicht vorstellen wie es sein muss, eine gehässige Schwiemu zu haben, sondern verbinde mit diesem Wort nur positive Assozia-tionen. Meine mag ich nämlich ganz besonders und bin dankbar, sie und eine komplett neue Familie dazugewonnen zu haben. Kein Witz! Aber eine Freundin sagt ohnehin immer, dass bei uns alles so irgendwie Walt Disney sei. Sie selbst nennt ihre Schwiegermutter übrigens Psycho-Mum.


Diese Kolumne ist im Buch „Liebesmüh im Quadrat“ erschienen, dem ersten Band der dreiteiligen Liebesmüh-Reihe: Gesammelte Essays, Artikel und Kolumnen über die Mühen, die Liebe zu finden und zu binden – und dabei nie den Mut zu verlieren.

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Die Schwiegermutter heiratet man quasi mit. Doch ihre Beliebtheit hält sich häufig in Grenzen.

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