Gartenzwerge bei der Arbeit

Gartenzwerge – die unterschätzte Gefahr

Leben und Gärtnern mit Gartenzwergen

Im Dachgeschoss hatten wir wegen des Ausbaus einen der ungenutzten Schornsteine abbrechen lassen. So klaffte der verbliebene Schacht als ein tiefes Loch im Boden, das noch abgedeckt werden musste. Zu Weihnachten 2018, wenige Monate nachdem wir und unsere frisch geschlüpfte Tochter eingezogen waren, gossen wir hierfür eine Betonplatte und verewigten unsere Handabdrücke: Mama, Papa, Kind und Hund. Dazu die Inschrift Weihnachten 2018. Als ich die Abdrücke nach dem Trocknen vorsichtig nachkolorierte, entdeckte ich eine etwa drei Zentimeter große Mulde die ich nicht zuordnen konnte. Eine Unebenheit im Beton? Dafür war der Abdruck zu eindeutig. Nach längerem Grübeln und genauerem Inspizieren, brach ich in schallendes Gelächter aus. Offenbar hatte unser Gartenzwerg, als wir sie über den frischen Beton hielten, nicht nur die Hand hineingedrückt, sondern unbemerkt auch noch die winzige Faust. An das erste Weihnachtsfest in unserem Haus haben wir somit eine besondere Erinnerung geschaffen. Und eine Vorschau auf das Leben mit Gartenzwergen erhalten, sowie ihrer besonders charmanten Art, ihre ganz eigenen Spuren zu hinterlassen. Apropos Vorschau: Als hätte die große Schwester es geahnt und schon mal den Platz neben sich reserviert, hatte ich zum Weihnachtsfest im nächsten Jahr die Ausmaße einer stattlichen Christbaumkugel angenommen – die Geburt unserer zweiten Tochter stand im März 2020 an.

Gartenzwerge – wie ein Wirbelsturm durchs Leben

Kinder sind die wohl größte Veränderung im Leben. Wie groß, begreift man erst wenn sie da sind. Da bleibt kein Stein auf dem anderen, zeitweise kein Moment der Ruhe und schon gar kein ausgedehntes Zeitfenster für die Dinge, die man früher so gern getan hat. Ausgehen, in Ruhe lesen, sich pflegen oder intensiv unterhalten. Passé. Schock, Überforderung und ja, auch Trauer über den Verlust des vorherigen Lifestyles sind durchaus angebracht. Dieser Teil der Geschichte wird nämlich nicht gerne erzählt. Aber wenn man die erste harte Zeit überstanden, sich neu sortiert und gefunden hat, dann kommt der Part der wirklich Freude macht. So hörte ich eines Tages durch das geöffnete Küchenfenster die ernste Mahnung: „Omi, nicht die Blumen kaputt machen! Da wird die Mama traurig!“ Meine Mutter schnitt einige verblühte Rosen heraus, gab aber schließlich auf, da vehement insistiert wurde. Mir wurde ob dieser inbrünstigen Verteidigung meiner geliebten Blumen, sehr warm und leicht ums Herz. Auch ist die Hilfsbereitschaft bei sämtlichen Tätigkeiten der Gartenpflege stark ausgeprägt, insbesondere wenn Gießkannen oder der Wasserschlauch zum Einsatz kommen.

Dass ich meine Begeisterung für die Natur und mein Wissen darüber weitergeben kann, ist bereichernd und mir eine besondere Beglückung. So haben wir neben Schaukel und Baumhaus einen Bereich abgesteckt, den wir die NABU-Ecke nennen. Hier geht es recht wild zu, alles darf wachsen und sprießen wie es will. Das Insektenhotel ist dort befestigt, ebenso ein Nistkasten und ein selbstgebautes Vogelhaus – bei sämtlichen Montagen und Anstrichen waren die Gartenzwerge selbstredend tatkräftig dabei. Tontöpfe dienen Igeln als Unterschlupf, ebenso ein Holzstapel für allerlei Kröten und sonstiges Getier. Dort gibt es immer was zu entdecken. Eine recht zutrauliche braune Maus, haben wir in Frühling und Sommer täglich aus nächster Nähe dabei beobachtet, wie sie den ausgedienten Türkranz aus Kastanien und Eicheln abknabberte. Wildbienen und Hummeln landen dicht auf den Blüten, sodass man die mit Pollen voll beladenen Hinterbeine gut erkennen kann. „Mummel“, war der wissende Kommentar unseres einjährigen Gartenzwergs, wobei die besagte schwer beladene Hummel ziemlich Gas geben musste um nicht von einem kleinen Zeigefinger angestupst zu werden. Aber die besonderen Highlights sind unser Haus-und-Hof-Eichhörnchen, das sich gerne beim Turnen durch unsere riesige Haselnuss beobachten lässt und auch vor einem Besuch auf dem Gartenbett nicht zurückschreckt. Und der eifrige Grünspecht der seine Höhle im gigantischen Silberahorn baut. In so einem Garten gibt es immer was zu entdecken und zu erforschen. Gemeinsam Samen im Gemüsegarten zu vergraben, zu wässern und Wochen später gemeinsam Erbsen, Möhren und anderes Gemüse zu ernten, sowie zuzubereiten schafft auch für einen selbst nochmal ein ganz neues Bewusstsein über den Kreislauf der Natur und ihre Wunder. Im verabscheuten Schneckentempo zu arbeiten, dafür aber die Kinder am Entstehen von neuen Beeten oder lauschigen Plätzen teilhaben zu lassen und ihren Stolz darüber zu sehen, erfüllt auf eine einzigartige Weise. Vor allem wenn die Baustelle Besuchern dann mit den Worten vorgeführt wird: „Haben wir gemacht. Mama hat auch ein bisschen geholfen.“

Aber auch wenn man bei all der großen Veränderung und Verantwortung, die eigene Freiheit und Selbstbestimmtheit immer wieder vermisst, ist es dennoch an einem selbst zu lernen, loszulassen und den kleinen Persönlichkeiten etwas zuzutrauen und zu vertrauen. Das ist eine wichtige Lektion, vermutlich die Schwierigste und Wichtigste. Sämtliche Kanten, Ecken und Stufen sieht man mit Kleinkindern plötzlich als Todesfallen. Manchmal möchte man sie am liebsten in Noppenfolie wickeln, einen Helm aufsetzen und sämtliche Gefahren für sie aus dem Weg räumen. Auf dass ihnen kein Haar gekrümmt werde. Rasenmäher-Eltern heißt es wohl. Weil sie alles ebnen und für die lieben Kleinen beiseite drängen. Aber eine Frage drängt sich dabei unweigerlich auf: Möchte ich dies den Rest meines Lebens übernehmen? Werden sie dadurch eigenständig und lebensfähig? Lernen sie so selbst zwischen Spaß und Gefahr zu unterscheiden? Eher nicht. Also was bringt man ihnen bei? Dass es Pflanzen gibt die giftig sind und man deswegen nicht einfach etwas pflücken darf, dass ein Stuhl zwar für die Aussicht an die Terrassenbrüstung geschoben werden darf aber weiteres Geturne dort streng verboten ist, dass es an jeder Form von Wasserfass oder Teich gefährlich ist, solange man noch nicht schwimmen kann. Ich staune (bin ja noch Anfängerin), aber Kinder verstehen solche Dinge sehr gut und können auch genau differenzieren, ob es bei einem Verbot Spielraum gibt oder ob die Sache ernst ist. Vielmehr kann man belauschen, dass dieses Wissen sofort an die Jüngeren und Spielkameraden weitergegeben werden. „Du darfst Dich hier hinstellen, aber kein Quatsch!“, war kürzlich auch sogleich die gestrenge Ermahnung der kleinen Schwester, die sich ob ihrer kurzen Beine auf dem Stuhl streckte und reckte. Die Botschaft kam an.

Gartenzwerge bei der Arbeit
Gartenzwerge sind stets hilfsbereit.

Ich bin noch ein gutes Stück davon entfernt, den Beiden mit lässig-entspannter Selbstverständlichkeit den Rücken zu kehren und sie einfach mal machen zu lassen – vielmehr tue ich dies mit gesträubtem Nackenpelz. Aber das werden sie mir schon noch beibringen. Jeden Tag, Stück für Stück, wachsen wir zusammen. So wie unser Garten, in dem ich manchmal auch ein bisschen helfen darf. Unser Alltag und was wir daraus machen, sind die Erinnerungen an eine Kindheit, die Basis für ein späteres Lebensgefühl. Das sollte man sich immer wieder vor Augen führen. Gartenzwerge. Wenn man nicht aufpasst, erobern sie Herz, Haus und Garten im Sturm.

Diese Kolumne ist im Buch „Liebesmüh mal drei“ erschienen, dem dritten Band der dreiteiligen Liebesmüh-Reihe: Gesammelte Essays, Artikel und Kolumnen über die Mühen, den Alltag mit Liebe zu überstehen – und die Liebe im Alltag nicht zu verlieren.

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Kurzgeschichten über den Hausbau

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