Manchmal ereilt einen ein richtiger Scheißtag. Da kann auch der Garten nicht mehr helfen.

Scheißtag: Diese Bekloppten überall

Scheißtag. Es gibt Tage, an denen fragt man sich, wer eigentlich den Sack mit den Idioten offen gelassen hat. Doch wenn sich die Idioten mit Mr. Murphy Law zusammen tun, bringt das Leben Tage hervor, die sich kein Mensch mit noch so wilder Fantasie ausdenken könnte.

Schon als ich das erste Auge aufklappte, hing ich einem unangenehmen Traum nach. Mich beschlich unwillkürlich das leise Gefühl, dass dies nicht mein Tag werden würde. Als ich mit dem linken Bein voran aufstand, war schon alles zu spät, denn es war der falsche Fuß. Mein Schicksal schien besiegelt. Es sollte noch ausreichend Beweis dafür geboten werden, wie Recht ich damit hatte. Schläfrig steckte ich mir die Elektrische in den Mund und spürte den dumpfen Aufprall der Zahnpasta auf meinem frisch gewaschenen Shirt. Mein Spiegelbild warf mir einen vielsagenden Blick zu.

Im Flur prallte ich heftig mit meinem Gatten zusammen, der sich forschen Schrittes die Manschetten zuknöpfte und gedanklich offenbar schon seinen Tag durchging, wobei er mir auch noch kräftig auf den Fuß trat. Entschuldigend wollte er mir einen Kuss auf die Stirn drücken, verfehlte jedoch, weil ich in diesem Moment den Kopf hob und er traf stattdessen viel zu fest mein Auge. Ich fluchte. Einäugig hinkend, mit Zahnpasta auf dem Latz, erreichte ich die Küche, wo ich, ob meiner temporären Sehbehinderung, sogleich den vollen Wassernapf meines Hundes um trat und den Raum flutete. Mein Gott, es war erst sieben Uhr am Morgen! Wo sollte das noch hinführen?

Ein Scheißtag nimmt seinen Lauf

Doch ich atmete tief durch und freute mich auf die große Morgenrunde mit meinem Vierbeiner, die mir wie üblich reichlich frische Luft im Hirn sowie Entspannung verschaffen sollte. Auf dem Weg in den Wald entschied ich kurzerhand, einen Stopp in einem gewissen Drive-in einzulegen, um mich mit einem großen Cappuccino auszustatten, der mich für die frühen Strapazen dieses Tages entschädigen sollte. Ich bestellte an der Sprechanlage, fuhr vor, wo mich eine freundliche junge Frau begrüßte.

Ich stand keine dreißig Sekunden, als hinter mir ein Taxi zügig aufschloss und die Fahrerin aus dem Wagen sprang. Sie hastete an meine Seite und hämmerte mit einer Euromünze sofort unablässig gegen die Scheibe des Schalters. Was sollte das denn werden? Die junge Frau im Laden drehte sich um und kam mit meinem Cappuccino in der Hand auf sie zu. Kaum war das Fenster geöffnet, ratterte die Taxifahrerin los: „Schicken Sie Frau an Seite und lassen Sie misch vor, isch hab Auftrag. Los, isch hab nur eine kleine Kaffee. Isch weiß genau, wie das hier geht, isch hab selbst zwei Jahre McDonalds! Los, isch hab Arbeit! Isch hab Auftrag!“ Unwillkürlich prustete ich über diese Unverschämtheit und wollte mich gerade mit einem entsprechenden Kommentar einschalten, als mein Blick die Frau hinter dem Schalter traf. Diese ließ langsam Schultern und Hände sinken und flüsterte mit unüberhörbarer Verzweiflung in der Stimme: „Warum machen Sie das jeden Morgen?“ Woraufhin die Taxitussi ihren Vortrag noch einmal lauter wiederholte, auf dem Absatz kehrt machte und es sich nicht nehmen ließ, auch noch kräftig zu hupen, als sie wieder hinter dem Steuer saß.

Mit offenem Mund starrte ich die Dame am Schalter an, die mir mein Getränk mit zusammen gepressten Lippen und einem gequälten Blick überreichte. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, ein großes Frühstück nachzubestellen und den Motor auszuschalten. Einfach aus einem kleinen Anflug von Protest heraus. Doch da es um mein Karma an diesem Morgen ohnehin nicht zum Besten stand, wollte ich keine weitere Eskalation provozieren. Was hat die Alte eigentlich für Probleme, dachte ich, als ich davon fuhr. Wie geltungssüchtig muss man sein, um jeden Morgen den McDrive zu seiner persönlichen Showbühne zu machen? Und das scheinbar mit dem immer gleichen Auftritt. Definitiv bekloppt, lautete mein stummes Urteil.

Ein Scheißtag der nicht besser werden will

Beim folgenden Spaziergang, hielt es mein Hund für unbedingt erforderlich, zunächst ausgiebig in einer Schlammpfütze zu baden, um mich dann mit Anlauf zu rammen und mit zwei großen braunen Pfotenabdrücken an den Oberschenkeln abzustempeln. Ich könnte schwören, dass er danach mit einem irren Lachen im Unterholz verschwand! Das Problem war weniger die verdreckte Hose, als die Zeitnot, in die er mich damit brachte. Denn eigentlich war der Plan, ihn nach der Waldrunde im Büro bei meinen Kolleginnen unterzubringen, sodass ich nach einem kurzen Aufenthalt, direkt zum Bahnhof hätte gehen können.

Nun musste ich noch einmal zurück nach Hause, mich umziehen und erneut durch den Stadtverkehr schieben. Als ich gerade überlegte, wo ich einen anderen Weg einschlagen und somit die Runde abkürzen könnte, hörte ich bedrohliches Trappeln hinter mir, das direkt auf mich zu schoss. Bevor ich ausweichen konnte, traf mich etwas hart von hinten in die Beine. Ich rang noch um mein Gleichgewicht, als mein Hund mit einem etwa zwei Meter langen Ast im Maul, an mir vorbei zischte. Ich schwöre, er hat irre gegackert! Nachdem er mich erfolgreich von beiden Seiten eingesaut hatte, spuckte er das Holz aus und schlenderte weiter, als hätte er für heute alles Wichtige erledigt. An welchem Pilz hat der denn heute geleckt? Absolut bekloppt dieser Köter, war mein Urteil. Atmen, cool bleiben.

Für einen perfekten Scheißtag fehlt nur eine Zugfahrt

Wenig später, saß ich abgehetzt im Zug nach Hannover, wo ich die Fahrtzeit über krampfhaft versuchte, mich auf das dort anstehende Gespräch vorzubereiten. Über die Besonderheiten von Mitreisenden im Zug, brauchen wir nicht zu sprechen. Ich sage nur: Klassenfahrt im Ruheabteil. Wie auch immer. Atmen nicht vergessen.

Die Besprechung fand beim gut besuchten Mittagstisch eines Italieners statt. Selbstredend kam ich wegen einer Baustelle zwanzig Minuten zu spät, was den ohnehin schon engen Zeitplan weiter in Bedrängnis brachte. Wir hatten gerade bestellt und wollten in den geschäftlichen Part einsteigen, während am Nebentisch zwei Frauen Platz nahmen, wobei sie rempelnd Tisch und Stühle verschoben. Ärgerlich runzelte ich die Stirn. Ich ordnete die beiden als Mutter und Tochter ein. Sie starteten sofort lautstark eine Debatte, was uns aber inhaltlich nicht weiter ablenkte, da sie auf Italienisch stattfand. So konnten wir uns zumindest unserer Agenda widmen.

Die Sitzung war so lala und brachte nicht annähernd die Ergebnisse, die ich erwartet hatte. Wie hätte es an diesem Tag auch anders sein können. Eine merkwürdige Bewegung am Nachbartisch, streifte nach einiger Zeit mein Blickfeld und gewann schließlich meine Aufmerksamkeit. Was ich sah, konnte ich kaum fassen. Die stark überschminkte Zwanzigjährige, lümmelte mit angezogenen Knien am Tisch, stocherte in ihren Sahnenudeln und feilte sich laut schmatzend ihre zentimeterlangen Kunstnägel. Die fehlenden Tischmanieren waren eine Sache. Aber Nägel feilen, in der Öffentlichkeit, geschweige denn in einem Restaurant, geht ja mal gar nicht! Noch nicht genug. Im Sonnenlicht sah ich den feinen Staub zu mir herüber tanzen und ihn sich sachte über meiner Pasta verteilen. „Noch etwas Parmesan?“, fragte mein Gesprächspartner und hielt mir die kleine Schüssel hin. Du kannst sie nicht alle töten, ging mir durch den Kopf, als mein Auge nervös zu zucken begann und ich meinen Teller angewidert von mir schob.

Was ist nur los mit den Leuten? Zum Nachtisch die Fußnägel, oder was? Wie rücksichts- und geschmacklos kann man sein? Ekelhaft, gestört und bekloppt, urteilte ich erneut. Ich entschuldigte mich kurz, verließ den Gastraum. Abermals und mit einer neuen Dimension an Irrsinn, wurde meine Hoffnung auf einen Augenblick Ruhe vor einer verrückten Welt zerschmettert. Auf der Toilette hatte ich sofort den Eindruck, verdächtiges rhythmisches Quietschen in der Nebenkabine zu hören. Ich entschied dies nicht weiter zu beachten, als mit einem lauten Klonk etwas auf dem Boden aufschlug, um dann knapp an meinen Füßen vorbei zu rollen. Ein prustendes Kichern folgte. Ich nahm das mit tiefer Stimme herüber genuschelte T’schuldigung, das Ding gehört mir, zur Kenntnis.

Einige Sekunden starrte ich auf die Stelle, an der das unbekannte Rollobjekt verschwunden war, bis ich begriff: Ring, nicht Ding. Ein soeben benutzter Penisring aus Edelstahl, hatte meine Kabine passiert. In beachtlicher Größe wohlbemerkt. Mir klappte zum wiederholten Male an diesem Tag der Mund auf. Was kann einem einzelnen Menschen an einem einzelnen Tag alles passieren? Taxiterror, Kamikazehund, Klassenfahrt, Hornspäne auf dem Essen, Penisring. Mir reichte es. Wütend riss ich die Tür auf und rief leicht hysterisch werdend: „Welche Anstalt hat heute eigentlich Tag der offenen Tür?!“ Wahnsinnige, Verrückte, Irre! Überall! Sie laufen frei herum!

Ein Scheißtag findet endlich sein Ende

Am Abend traf ich wie eine Kriegsversehrte zu Hause ein, wo der beste Ehemann von allen bereits wartete. Ich freute mich auf den ersten vernünftigen Menschen des Tages. Als dieser ein angeregtes Gespräch mit dem Hund über dessen Arbeitstag begann. Ja, richtig verstanden. Mann erkundigt sich beim Hund, wie sein Tag im Büro war. Niemals würde ich meinen geliebten Gatten zu den allgegenwärtig Bekloppten zählen, aber da schaffte er es bis zum Beklopp. „Wir sollten unser Gespräch morgen fortsetzen. Die Lady hatte einen ganz miesen Tag und sieht gefährlich aus“, erklärte er dem durchaus vernünftig dreinblickenden Hund und konnte sein Lachen nicht mehr unterdrücken.

„Entspann Dich. Ich hab uns Pizza bestellt und einen Film ausgesucht. Leg Dich hin und verletz Dich nicht.“ Langsam wich der Drang zu töten, einer tiefen Dankbarkeit, als ich mit warmer Pizza im Bauch, an den Gatten gekuschelt auf dem Sofa lag. Endlich neigte sich der Tag, der seines Gleichen sucht seinem erlösenden Ende. Diese Scheißtage braucht doch kein Mensch! Aber im Wegdösen dachte ich: „Doch. Die braucht man zwischendurch eben doch. Sonst kann man an allen anderen Tagen gar nicht schätzen, was für ein Glück man hat.“


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Manchmal ereilt einen ein richtiger Scheißtag. Da kann auch der Garten nicht mehr helfen.

Bei einem richtigen Scheißtag hilft auch die Gartenarbeit nicht mehr.

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