Guter Vorsatz 1: weniger Stress

Stress zu haben, ist gesellschaftlich akzeptiert. Mehr noch: Je mehr Stress und Termindruck man hat, desto wichtiger und akzeptierter ist man. Belohnt wird man mit Bewunderung und anerkennenden Pfiffen. Wie kann es dann sein, dass sich ganze 59 % der Deutschen laut Umfragen für das Jahr 2018 vorgenommen haben, weniger Stress zu haben? Haben sie keine Angst vor dem sozialen Abstieg?

Wenn der Wecker im Morgengrauen klingelt, ist es herrlich gemütlich zu snoozen und sich nochmal für fünf Minuten auf die Seite zu drehen. Man nickt wieder ein und kann vielleicht sogar an einen schönen Traum anknüpfen. Beim zweiten Mal ist es auch noch kuschelig. Aber ab dem dritten Mal, fängt der Stress an. Zuerst wegen des schlechten Gewissens nicht aus der Koje zu kommen, dann weil man im schlechtesten Fall plötzlich spät dran ist. Es soll ja sogar Menschen geben, die im Auto ihr Müsli löffeln, weil sie allmorgendlich gegen die Verspätung ankämpfen. Im Berufsverkehr hat man deutliche Anzeichen von hohem Blutdruck und im Büro fallen einem all die Dinge wieder vor die Füße, die man am Tag zuvor nicht geschafft hat. Man manövriert sich durch einen viel zu vollen Tag mit Terminen, Kollegen, Kunden und hoch gesteckten Zielen. Zurück im nervenaufreibenden Berufsverkehr fragt man sich schlimmstenfalls, was man eigentlich den ganzen Tag gemacht hat und ist unzufrieden mit der eigenen Leistung. Sicher im Heimathafen angekommen, plädiert das moralisch versierte Engelchen auf der Schulter, zum gesunden Kochen, zum Sport machen, den Hobbies nachzugehen, sich dem Partner und der Familie zu widmen, eine Veranstaltung zu besuchen, die Pflege des Freundeskreises nicht zu vergessen. Während das Teufelchen zielsicher zur stabilen Rückenlage anstachelt, um sich schlussendlich viel zu spät in die Federn zu begeben und der Kreislauf beginnt von vorn. Ok, das ist jetzt vielleicht etwas schwarz gemalt, aber so ähnlich könnte der Alltag vieler Menschen unter Umständen aussehen. Und was verursacht nun genau den Stress als Massenphänomen? Menschen müssen doch schon seit Ewigkeiten, Arbeit und Leben unter einen Hut bekommen. Das sind ganz normale Anforderungen an ein Mitglied der Gesellschaft. Sind wir etwa eine Generation von Weicheiern?

Die Welt, wie wir sie kennen, unterzieht sich einem Wandel, wie es ihn seit der Industrialisierung nicht mehr gegeben hat und wir sind mittendrin. Die Geschwindigkeit der digitalen Medien sowie der permanente Zugang zu aktuellen Informationen, sorgen offenbar dafür, dass wir die Zeit als beschleunigt wahrnehmen und selbst immer schneller sein wollen. Als wollten wir mit den stetig leistungsstärker werdenden Prozessoren unserer täglichen Geräte, Schritt halten. So eine Studie der James Cook University in Singapur. Zudem sehen wir bei jedem Login in die sozialen Netzwerke, was wir gerade alles verpassen: Wer ist mit wem, wo? Was wird gegessen und genossen? Wer ist glücklich und erlebt Außerordentliches? Welche Veranstaltung könnte ich gerade besuchen? Neue Filme, neue Bücher, neue Musik, die man konsumiert haben muss. Der Blumenstrauß an Angeboten ist riesig und schafft immer neue Begehrlichkeiten. Aber viel bedeutender noch, die Angst etwas zu versäumen. Das ewige schlechte Gewissen, das schon im Morgengrauen einsetzt und sich stetig durch den Tag zieht. Auch Eltern mit kleinen Kindern, empfinden nicht die gemeinsame Familienzeit an sich als Stress. Auch nicht, wenn die kleinen Teppichratten nerven und quengeln. Sondern die Rahmenbedingungen mit dem dazugehörigen hin- und hergerissen Sein. Zwischen allen Stühlen zu stehen und egal in welche Richtung man blickt, sieht man, was man nicht geschafft, erreicht oder eben durch anders getroffene Entscheidungen verpasst hat. Ein permanentes Gefühl des Nachteiles. Das ist der Stress unserer Zeit.

Als Ausweg aus diesem Dilemma, hilft nur eine harte Erkenntnis: Wir können nicht auf allen Hochzeiten tanzen. Dafür aber die in vollen Zügen genießen, auf der wir gerade sind. Wir können auch nicht alle Lebensbereiche gleichzeitig unter Volldampf ausleben. Prioritäten verschieben sich. Mal ist das eine wichtiger, mal das andere. Alles zu seiner Zeit. Das klingt banal und einleuchtend, dies jedoch als feste Überzeugung zu verankern und eben nicht ständig nach links und rechts zu schielen, ist die größte Herausforderung dieser Tage.

Also: Mut zu Lücke!

Alles Liebe, Eure Svea

Diese Kolumne ist im Buch „Liebesmüh hoch zwei“ erschienen, dem zweiten Band der dreiteiligen Liebesmüh-Reihe: Gesammelte Essays, Artikel und Kolumnen über die Mühen, den Alltag mit Liebe zu überstehen – und die Liebe im Alltag nicht zu verlieren.

Erhältlich in jeder Buchhandlung, bei amazon oder im Shop.

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