Guter Vorsatz 4: Weniger fernsehen

So viele Menschen wünschen sich sehnlichst mehr Zeit für Familie, Freunde, sich selbst, Sport und generell für den vermeintlichen Aufwand eines gesünderen Lebensstils. Manch einer würde sich sogar gerne ehrenamtlich engagieren oder endlich mal einen Kurs belegen. Oder noch einfacher: Mal wieder ein Buch lesen, früher ins Bett gehen und den Tag ausgeschlafen beginnen. Was könnte man nicht alles tun, wenn einem bei vollen Bezügen eine Teilzeitstelle für die ganzen persönlichen Wünsche zur Verfügung stünde! Aber woher die Zeit dafür nehmen?

Als ich kürzlich bei einer Party zum x-ten Mal im Gespräch gestehen musste, diese und jene Sendung nicht zu schauen, streute ich inzwischen fast kleinlaut ein, dass ich maximal ein bis zwei Mal pro Woche fernsehe. Manchmal über Wochen hinweg gar nicht, weil ich dafür einfach keine Zeit habe. Das war offensichtlich das abgefahrenste, das ich je zum Besten gegeben habe. Ich wurde mit offenen Mündern angestarrt: „Aber was machst Du denn dann, wenn Du nach Hause kommst?!“ Allgemeine Fassungs- und Ratlosigkeit. Auf beiden Seiten. Nur wenige scheinen das Potential des reduzierten Fernsehkonsums zu erkennen. Vielleicht rangiert dies bei den guten Vorsätzen deshalb so weit hinten? Weniger Handy, Computer und Internet (18 %) sowie weniger fernzusehen (15 %), schreiben sich auffallend Wenige auf die Fahnen. Was einem das auch konkret bringen soll? Eine einfache Rechnung macht es deutlich: Wenn man nur mal davon ausgeht, zur Tagesschau um 20 Uhr die Kiste einzuschalten und danach einen Spielfilm zu schauen, kommt man schnell auf zwei bis zweieinhalb Stunden täglich. Der Bundesdurchschnitt liegt sogar bei vier Stunden. Das sind 28 Stunden pro Woche! Das ist eine Teilzeitstelle, mehr sogar! Und die Leute wollen einem weismachen, sie hätten keine Zeit für die wichtigen Dinge? 28 Stunden pro Woche. Das entspricht unglaublichen zwei Monaten non-stop-Geglotze pro Jahr! Zeit, die man mit rumliegen und berieseln lassen verplempert. Hey, wir reden hier immerhin über Lebenszeit, die unwiederbringlich verrinnt. Will man die wirklich damit füllen, zuzusehen wie D-Promis im Dschungel Käfer verdrücken? Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten, Frauen tauschen? Oder für eine letzte Hoffnung auf Liebe, sämtliche Schamgrenzen hinter sich lassen? Filme, die so platt und austauschbar sind, dass man sie schon beim Drücken der Fernbedienung wieder vergessen hat? Im Ernst? Das ist es einem wert, lieber träge zu sein? Das kann man ja fast als lebensmüde im wahrsten Wortsinn bezeichnen.

Wen diese Rechnung immer noch nicht vom Sofa holt, der sollte noch einen Blick auf die gesellschaftlichen Aspekte bei steigendem Fernsehkonsum seit den 50er Jahren werfen, die in etlichen Studien erforscht wurden: Je mehr fernsehen, desto niedriger die Bildung und schlechter die Abschlüsse. Desto geringer die Konzentrationsfähigkeit. Desto schlechter die Sprachentwicklung bei Kindern. Desto höher der Bewegungsmangel, einhergehend mit Übergewicht und seinen gesundheitlichen Folgen. Desto höher die Gewaltbereitschaft, durch Nachahmung und Verharmlosung. Ich setze noch einen drauf und behaupte, desto höher die Sensationsgeilheit und Abgestumpftheit. Wie lässt es sich sonst erklären, dass es zu einem Volkssport mutiert, von Schwerverletzten lieber Videos zu drehen, als den Notarzt zu rufen oder erste Hilfe zu leisten? Ist den Leuten nicht mehr klar, dass das die reale Welt ist?

Bitte nicht falsch verstehen: Nicht jeder mutiert zum hirnamputierten Vollidioten und verliert jegliche Sozialkompetenz, wenn er seine Lieblingsserie schaut. Aber eine kollektive Tendenz ist nicht von der Hand zu weisen. Natürlich gibt es manchmal nichts Gemütlicheres und Innigeres, als sich vor der Flimmerkiste einzukuscheln. Selbstverständlich gibt es auch spannende Serien und tolle Dokus im Angebot. Und gewiss ist es schön, sich einfach mal unterhalten zu lassen, ohne die grauen Zellen bemühen zu müssen. Man braucht ja auch mal Urlaub im Kopf, keine Frage. Aber eben mal. Und nicht täglich stundenlang, nur um des Glotzens willen und weil man sonst nichts mit sich anzufangen weiß.

Verzichtet man nur jeden zweiten Tag auf den Kasten, werden immer noch sagenhafte vierzehn Stunden frei. Und plötzlich scheint die Umsetzung der guten Vorsätze eins, zwei und drei gar nicht mehr so utopisch, oder? Im Gegenteil: Man widmet sich ihnen automatisch, weil sie ja Herzensangelegenheiten sind für die nun die gewünschte Zeit da ist.

Also: Aus die Kiste!

Diese Kolumne ist im Buch „Liebesmüh hoch zwei“ erschienen, dem zweiten Band der dreiteiligen Liebesmüh-Reihe: Gesammelte Essays, Artikel und Kolumnen über die Mühen, den Alltag mit Liebe zu überstehen – und die Liebe im Alltag nicht zu verlieren.

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